Moritz B. Hampel

DIE DUNKLE MUSE

Anklagend heben sich die dunklen Augenbrauen, die ihren Ärger deutlich ankündigen. Meine Muse schüttelt den Kopf, und schiebt mir das Blatt Papier entschieden herüber.

Dort auf dem Tisch mit der wunderschönen Holzmaserung liegt eckig und hart das weiße Papier. Das Papier, auf dem ich meine Profilbeschreibung niedergeschrieben habe, und dem meine Muse so gar nicht einverstanden ist. Dunkel und schön, und gnadenlos sitzt sie vor mir, wie die überirdische Gestalt eines allmächtigen Verlegers. Der gerade meine Profil-Beschreibung für eine Internet-Seite abgelehnt hat.

 

Ich schiebe den Zettel verlegen mit dem Finger hin und her, als könnte ich so an dem Gesagten, oder dem dort Geschriebenen etwas ändern, aber das bleibt reine Illusion.

‚Das bist nicht du’, sagt meine Muse erneut. Wieder schüttelt sie verärgert den Kopf. ‚Wenn ich das lese – dann habe ich das Bild eines kleinen, bleichen Jungen vor Augen, der in einem viel zu großen Zimmer, vielleicht einer Ein-Zimmerwohnung, dicht an einem grünen Kachelofen hockt, und schreibt. Auf einer alten, mechanischen Schreibmaschine.’

Ich nicke. Soviel hatte ich schon verstanden, und wirklich widersprechen konnte ich ihr auch nicht. Genau deswegen saßen wir an diesem Tisch – ich war mir meiner Unfähigkeit, gute Texte für meine diversen Profile im Netz zu schreiben, ja durchaus bewusst. Und hatte genau dafür um dieses Gespräch gebeten. Nur dass sie so hart sein würde – das hatte ich nicht erwartet.

‚Aber was genau macht mich denn aus? Welches Bild will ich denn vermitteln?’, bohre ich nach. ICH kann diese Frage nicht beantworten, und ich vermute sie auch nicht. Ist also rein rhetorisch, die Frage. Ich alter Fuchs, ich.

Sie hat mich natürlich durchschaut, und verweigert eine echte Antwort. Sie guckt nur böse. ‚Du hast mich um meine Meinung gefragt.’

Das stimmt, ich bin zu ihr gekommen. Nachdenklich nehme ich einen Schluck aus der Teetasse, aber der Tee ist längst kalt. Und auch fast alle - wir sitzen hier schon eine ganze Weile.

Meine Muse schiebt langsam ihren Stuhl zurück, scharrend über den Fliesenboden, steht auf und bleibt am Tisch stehen. Sie sieht auf mich herab und verschränkt die Arme vor der Brust, reibt sich die Oberarme. Ihr ist kalt.

Sie macht einen Schritt nach hinten, fasst den Kachelofen an, wie um zu prüfen, wo die Wärme bleibt. Dann geht sie, um neuen Tee aufzusetzen.

Offensichtlich denkt sie, dass wir hier noch eine Weile weiter sitzen werden.

 

‚In Ordnung’, sage ich entschlossen, um wieder produktiv zu werden. ‚Was soll ich jetzt machen? Das Ganze umschreiben? Vielleicht von einer ganz anderen Warte aus angehen?’

Sie begegnet meinem offenen Blick mit einem Schulterzucken. Geht, um den fertigen Tee zu holen und uns beiden neu einzugießen.

Mit einem leichten Seufzer setzt sie sich wieder. ‚Also gut’, beginnt sie, nur, um sich dann an einem Schluck Tee den Mund zu verbrennen.

‚Die Schnüss?’ frage ich und verziehe das Gesicht, als hätte ich mich ebenfalls verbrüht.

‚Die was?’ fragt sie ungehalten und etwas undeutlich, während sie sich den Mund hält.

‚Die Schnute’, erkläre ich, schüttele aber schnell den Kopf. ‚Ist ja auch egal – also, was schlägst du vor?’

Sie sieht aus, als käme diese Frage überraschend. ‚Keine Ahnung – du bist der Autor.’

Indigniert ist es jetzt an mir, den Kopf zu schütteln. ‚Aber du bist die Muse.’

Für einen Moment schweigen wir uns an.

‚Und was ist …’, beginne ich etwas lahm.

Sie schaut mich erwartungsvoll an, die dunklen Augenbrauen sind neugierig, und damit friedfertig, nach oben gewölbt.

‚Was ist – wenn ich vielleicht wirklich dieser kleine Junge bin? An dem Kanonenofen?’

‚Kachelofen’, korrigiert sie mich unwillig, schon nicht mehr ganz so friedfertig.

‚Jaja’, fahre ich ungeduldig fort, ‚was ist, wenn ich dieser Junge wäre? Wenn alles andere, die Gestalt, der Habitus, alles, was du an mir kennst – wenn das alles nur Blendwerk ist? Wenn das einzige, was mich im Kern ausmacht, dieser kleine bleiche Junge ist, der besessen dort sitzt und schreibt?’

‚In einer Ein-Zimmerwohnung?’

‚Ja, genau.’ Der Gedanke fängt, mir zu gefallen, mir weniger fremd zu sein. Ich rede mich in Begeisterung. Dabei übersehe ich jedoch, dass sich die Stimmung meiner Muse zusehends verschlechtert.

Ich versuche, ihr das Ganze noch etwas schmackhafter zu machen, sie verstehen zu lassen, dass das möglicherweise so sein soll.

Sieht sie nicht ein.

Wird nur sauer, weil sie meint, ich würde da den leichten Weg nehmen und mich zu schnell zufrieden geben.

Sie will, dass ich versuche, mein echtes Ich, meine Seele quasi, bloßzulegen und dort in Profilbeschreibungsform zu hämmern.

Das schaffe ich nicht. Das schaffen wir auch zusammen nicht.

 

Irgendwann muss ich gehen. Wir trennen uns im Ärger - nicht im echten Streit, aber sie ist unzufrieden mit mir und unserem dürftigen Ergebnis. Vielleicht auch mit sich selbst, immerhin ist sie die Muse. Da trägt man eine gewisse Verantwortung.

Und ich bin traurig.

Draußen frisst sich die feuchte Kälte innerhalb kürzester Zeit wie Säure in mein Mark, und ich schlage drei Kreuze, als ich es bis zu mir nach Hause geschafft habe. Der Flur ist eiskalt und mein Atem kondensiert immer noch wie das Schnauben aus den Nüstern eines Tieres.

Reflexartig ziehe ich mir Jacke und Schuhe aus. Erst dann wird mir klar, dass ich das nicht kann, dass ich sie wieder anziehen muss - sonst erfriere ich in meiner eigenen Wohnung.

Überall ist es dunkel, aber hinter der kleinen Tür links von der Küche kann ich sein aggressives Hämmern hören. Die Tür ist kleiner als alle anderen, wesentlich niedriger. Sie sieht merkwürdig aus, unpassend in der hohen Altbauwohnung. Alle anderen Türrahmen sind höher.

Ich klopfe kurz an die Tür und hauche mir in die frierenden Hände, während ich auf eine Antwort warte. Ich überlege, ob das Hauchen wirklich hilft, oder nur kurz die Illusion von Wärme schafft.

Er antwortet nicht.

Zögernd drücke ich die Klinke herunter und stecke den Kopf ins Zimmer.

Er arbeitet. Hämmert unverwandt auf die Tastatur ein. Erst als das mechanische Klingeln des Zeilenschalthebels ertönt, sieht er von der alten Adler auf. Es ist bullig warm im Zimmer.

‚Kann ich reinkommen?’ frage ich.

Ungeduldig nickt er und wendet sich wieder einem Stapel Manuskripte neben ihm zu. Schaut konzentriert aus. Ich habe ihn aus seinem Fluss rausgebracht.

Aber er ist es, der als nächstes etwas fragt, während er erneut auf die Tasten einhämmert: ‚Und?’

Ich verstehe ihn gerade so, weiß aber, dass meine Antwort von der Mechanik der Adler verschluckt werden wird.

Also schließe ich die Tür, gehe ein paar Schritte ins Zimmer und warte. Nach der nächsten Zeile hält er nicht inne, sondern schreibt nach dem Klingeln sofort weiter. Kraftvoll.

Ich gehe durch den Raum, an dem riesigen Tisch vorbei und stelle mich neben den dunkelgrünen Kachelofen. Er besitzt den gleichen Farbton wie der meiner Muse. Aber dieser hier ist richtig warm. Ich lehne mich dagegen und fühle, wie seine Wärme ganz langsam in meinen Knochen die Oberhand gegen die schmerzende Kälte gewinnt.

Über seine Schulter schaue ich ihm einen Augenblick zu: Wie er manisch schreibt, die vier Finger, die er benutzt, rasend schnell auf den alten Tasten.

Es kostet ihn Kraft, die Anschläge zu drücken, aber er lässt sich nicht beirren. Muss im Fluss bleiben, sagt er immer.

‚Und?’ fragt er wieder, nach einem erneuten Klingeln. Ich halte kurz den Atem an, aber er schreibt tatsächlich nicht weiter. Für den Moment.

Er dreht sich zu mir um und mustert mich argwöhnisch. Da er ohnehin nicht gewollt hatte, dass ich zu ihr gehe, diese Profilbeschreibung mit ihr diskutiere, hatte er sich von der ganzen Sache offenbar auch nicht allzu viel versprochen.

Ich schaue auf den Ofen, zucke mit den Schultern. Er hat es ja gleich gesagt.

‚Wie weit bist du gekommen?’ frage ich im Gegenzug. ‚Hast du diese Szene mit Frau Knüpper in den Griff bekommen?’

Er nickt. Die Stelle war kniffelig gewesen, und immer wieder musste sie umgeschrieben werden. Ich bin froh, dass wir über die hinweg sind.

Er schaut mich wieder von unten an. Dort an der großen Schreibmaschine, an dem großen Tisch, sieht er so furchtbar klein aus.

Auf dem Stuhl liegt ein dicker Stapel alter Telefonbücher, auf dem er sitzt. Ich habe ihm schon öfters angeboten, ihm einen passenden Stuhl zu besorgen, aber er hat immer abgelehnt. Braucht er nicht, sagt er. Die Maschine, der Ofen und der Tisch sind alles, was er benötigt.

Während ich ihn so betrachte, fällt mir wieder auf, wie blass er ist. Fast durchscheinend, und so verwundbar. Aber das ist er in Wirklichkeit gar nicht. In Wirklichkeit ist er stärker als ich. Und er weiß genau, was er will.

Ungeduldig wendet er sich wieder der Arbeit zu. Ich störe ihn nicht weiter. Wärme mir noch ein wenig die Hände am Ofen, und gehe dann leise. Lasse ihn arbeiten.

Wenn ich ihn in Ruhe lasse, kann er sich am Besten konzentrieren.

Vorsichtig schließe ich die Tür von außen.


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