Katharina Schmidt

DAS ENDE VON GABI UND JOACHIM

 

Sie hatten sich im März 1967 kennen gelernt. Auf dem Bockenheimer Uni-Campus in Frankfurt. Es war der erste richtig schöne Tag im Jahr und Gabi trug Sandalen ohne Socken unter ihrem weiten Harlekinkostüm. Das Gesicht in krassem Schwarz-Weiß Kontrast geschminkt, schrie sie im Chor mit drei ähnlich kostümierten jungen Männern: PROFIT PROFIT – UND IHR MACHT ALLE MIT! KONSUM KONSUM – DER BRINGT EUCH BALD NOCH UM! SELBER SCHULD! SELBER SCHULD! SELBER SCHULD! Dazu hüpften sie abwechselnd auf und ab, rannten einer undurchsichtigen Choreographie folgend kreuz und quer und warfen mit Flugblättern um sich.

 

Joachim stand, mit einer brennenden Rothändle in der Hand, an die Backsteinmauer des Germanistischen Instituts gelehnt und beobachtete den Auftritt der Agit-Prop-Truppe. Er hatte die letzten drei Stunden im SDS-Schulungskurs „Marx, Kapital, 1. Band“ verbracht, konzentriert mitgeschrieben, verbissen versucht zu verstehen, sich von Satz zu Satz gekämpft – und spürte erst jetzt, wie stark sein Kopf schmerzte. Ihm gefiel die Aktion der Schwarzweißen. Er fand sie gleichzeitig tiefsinnig und voller Leichtigkeit. Und gerade als er dachte: „Wenn meine Gedichte in Zukunft was taugen sollen, dann müsste ich mir von denen eine Scheibe abschneiden.“, fiel Gabis Blick auf ihn und blieb dort liegen.

 

Joachim fand Gabi fast beängstigend attraktiv und selbstbewusst, mit ihrem Kurzhaarschnitt erinnerte sie ihn an Jean Seberg in „Außer Atem“, und er konnte in den ersten Wochen gar nicht glauben, dass sie tatsächlich Gefallen an ihm, dem unsicheren, schüchternen Möchtegern-Poeten fand, für den er sich hielt. Doch Gabi verliebte sich wirklich in Joachim und ließ nicht gelten, dass er Minderwertigkeitskomplexe hatte. Seine dunkelbraunen langen Haare fand sie nicht fisselig und stumpf, sondern sinnlich; seine blasse Haut nicht pickelig und großporig sondern existentialistisch. Und ihn als Charakter integer und klug. Sie schenkt ihm eine Lederjacke und bestand darauf, dass er der „bestaussehendste Typ“ war, den sie je getroffen hatte. Überrascht stellte Joachim fest, wie sich Gabis Urteil auf den Rest der Frauenwelt übertrug: Seit er mit Gabi ging, wurde er ständig angeflirtet.

 

Gabi hatte sich erst vor kurzem von Hans, ihrem langjährigen, zehn Jahre älteren Freund, getrennt. Er war Rechtsanwalt und vertrat als überzeugtes SPD-Mitglied ausschließlich Gewerkschafter und Betriebsräte. Sie hatten in einer riesigen Altbauwohnung im Westend gewohnt, zwei Mal pro Woche kam eine Putzfrau. Wenn Gabi mit Joachim über Hans sprach, wurde sie schnell verächtlich. Ein spießiger Chauvinist sei Hans gewesen, fortschrittlich und aufgeklärt nur in hohlen Phrasen und nach Außen hin, in Wahrheit hätte er ständig versucht, Gabi zu unterdrücken, sie zu schwängern, sie zur Hausfrau zu machen – aber da sei er an die falsche geraten!

Es blieb Joachim ein Rätsel, warum Gabi fünf volle Jahre mit Hans zusammen war, er erfuhr nie, was sie an Hans geliebt hatte.

 

Wie unterschiedlich Gabi und Joachim in vielem waren, bemerkten sie natürlich schnell: Gabi handelte fast immer impulsiv, Joachim nur nach reiflichen Überlegungen; sie war laut, spontan, aktiv, bisweilen bissig, er eher ruhig, zurückgezogen, nachdenklich und manchmal träge; gegenüber Autoritäten war Gabi grundsätzlich rotzfrech, Joachim hingegen neigte dazu, seine Idole zu verherrlichen. Trotzdem spürten beide, dass sie zueinander passten. Die Selbstverständlichkeit mit der ihre Körper die unglaublichsten Dinge miteinander machten, bestätigte sie noch zusätzlich.

 

Vor allem diskutierten sie leidenschaftlich gerne miteinander. Sie diskutierten ganze Tage, ganze Nächte, ganze Autofahrten nach Südspanien lang. Am WG-Küchentisch in der besetzten Bockenheimer 168. Draußen am grünen See im Kies. Vor der Essensausgabe in der Mensa. Beim Tanzen im KOZ. Im Bett von Gabis Eltern, als die ihre Kreuzfahrt machten. Schließlich in der Badewanne ihrer eigenen Wohnung. Überall und immer.

 

Bis auf wenige Ausnahmen drehten sich ihre Streitgespräche um Politik. (In den wenigen Ausnahmen verhandelten sie stets dasselbe: seine – wenn auch seltenen – Seitensprünge, die Gabi mit erstaunlicher Gelassenheit hinnahm, fast so, als pflegte sie ein Geheimnis, das sie immer wieder aufs Neue zu entschädigen imstande war.) Ostpolitik, Westpolitik, Imperialismustheorie, Faschismusanalyse, Autoritärer Staat, Charaktermasken … Größter und kleinster gemeinsamer Nenner war stets die Revolution. Beide glaubten fest an sie, sowohl an ihre Machbarkeit als auch an ihre Notwendigkeit.

 

Die Euphorie war groß in Frankfurt. Joachim und Gabi waren nicht die einzigen, die diskutierten. In Heidelberg, in Tübingen, in Hannover, in Berlin, Paris, Berkeley, Havanna, in der ganzen Welt wurde über die Revolution diskutiert. Und so schrecklich und hinterhältig der Mord an Benno Ohnesorg auch war, er bewirkte, dass die Revolution in Gang kam. Daran zweifelten zumindest Gabi und Joachim keinen Augenblick lang. Es war eine deutliche Tendenz zu spüren: Revolution. Auf den Demos. Den Sitzungen des SDS. Den Teach-Ins. Die Erwartungshaltung stieg und stieg und stieg und stieg.

 

Und dann der Vietnamkongress in Berlin. Aus der ganzen Welt waren revolutionäre Genossen angereist. Tausende waren aus ganz Deutschland gekommen. Über allem prangte das riesige Transparent: DIE PFLICHT JEDES REVOLUTIONÄRS IST ES DIE REVOLUTION ZU MACHEN! Sie lag so gut wie greifbar vor ihnen. Dutschke war fantastisch. Seine raue Stimme würde ihnen ewig als verheißungsvolle Melodie in den Ohren klingen. Gabi und Joachim waren glücklich.

 

Nachts zogen sie, verfolgt von einer alten Dame mit Lodenmantel und Dackel, über den Kudamm und Gabi schrie, weil sie nicht anders konnte: „Jetzt! Jetzt! Es geht jetzt los!“ Joachim war so besoffen von seinem Glauben an die schnelle Revolution, dass er zum ersten Mal mit ihr schrie. Der Dackel kläffte und zog sein Frauchen hinter sich her.

 

Keiner von beiden hätte sagen können, wann genau die Pest der Unversöhnlichkeit zwischen sie getreten war. Das Misstrauen. Die Kälte. Wann sie nicht mehr als Einheit funktionierten.

Vielleicht begann es tatsächlich mit den Schüssen auf Dutschke. Mit denen der Ernst einbrach, alles spielerische verschwand und Möglichkeiten nichts mehr wert waren. Joachim neigte dazu, diese Schüsse für den Niedergang der Bewegung verantwortlich zu machen.

Für Gabi war Willy Brandt schuld. Beziehungsweise die Tatsache, dass er Bundeskanzler wurde. Mit ihm eine sozialliberale Koalition an die Macht kam. „Brandt hat alles versaut. Brandt taugt nicht als Feindbild. Wir brauchen wieder einen Nazis wie Kiesinger, sonst fällt alles auseinander.“

 

Und es fiel alles auseinander. Die ganze Bewegung wurde von einem Zersplitterungsprozess erfasst. Als sich schließlich sogar der SDS auflöste, war nur noch agitierte Ratlosigkeit. Der Ton wurde rauer. Der Ruf nach Konsequenzen, nach Taten immer lauter. Es bildeten sich Fraktionen. Die Gewaltfrage wurde diskutiert. Auch Gabi und Joachim diskutierten schon seit Wochen: Bewaffneter Kampf – ja oder nein. Beziehungsweise: Wann. Gabi sagte: „Jetzt. Jetzt oder nie.“ Joachim beharrte: „Wir müssen erst die Partei aufbauen. Alles andere ist Aktionismus.“ Gabi: „Ach, Geschwätz! Du bist und bleibst ein kleinbürgerlicher Intellektueller.“ Er wusste, wo sie das gelesen hatte, hatte aber keine Lust, es laut zu sagen. Also schwieg er triumphierend. „Kriegst du dein Maul jetzt nicht mehr auf? Musst du erst Stalin fragen?“, Gabis Blick war nur Verachtung.

 

Sie kamen einfach nicht mehr zusammen. Schon nach wenigen Sätzen stieg eine feindselige Spannung zwischen ihnen auf. Er saß die meiste Zeit des Tages auf dem Außenklo und beugte sich über Lenin. Sie rannte durch die Wohnung und fluchte. Wenn sie aufs Klo musste, pinkelte sie ins Waschbecken oder lief schnell zur Stadtbücherei. Dann nutzte er die Gelegenheit und holte sich etwas zu Essen aus dem Kühlschrank.

Sie schliefen zwar im selben Bett, berührten sich aber nicht mehr. Wenn sie unbeabsichtigt doch aneinander stießen, durchfuhr es beide wie ein Stromschlag.

Einmal noch hatte er sich im Schlaf an sie geschmiegt, ihre Brust zu streicheln begonnen und langsam immer drängender geatmet – sie war darauf eingestiegen, schloss sich seinem Atem an und für einen winzigen Moment erwachten alte Körpererinnerungen und eine vertraute Wärme breitete sich aus. Doch dann verhakte sich wieder irgendwas. Gabi stieß Joachim weg und schimpfte ihn „notgeiles Schwein“. Er konnte sich am nächsten Morgen an nichts erinnern.

 

Joachim versank auf dem unbeheizten Außenklo immer tiefer in seine Bücher. Marx, Lenin, Stalin, Mao. Nur hier konnte er ganz frei denken. Hier entkam er Gabis Blicken. Die Hose runtergelassen, den Aschenbecher neben seinen Füßen, stets eine brennende Rothändle in der Hand. Die Kälte störte ihn nicht, im Gegenteil, er fand es nur richtig, dass er fror. Er war nämlich kein kleinbürgerlicher Intellektueller. Im Herzen war er Proletarier. Und Kommunist. Dass er immer noch als Germanistikstudent eingeschrieben war, änderte daran überhaupt nichts. Er würde bei der Hoechst AG anheuern und ein echter Arbeiter werden. Das war Aufnahmebedingung für die KPD/ML. (Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten) Er würde der Partei dienen, sie zur wahrhaften und einzigen Partei der Arbeiterklasse aufbauen helfen und die Masse aller Werktätigen zum Kommunismus führen.

 

Gabi tigerte die Wohnung auf und ab. Überall auf der Welt verreckten Menschen, kämpften gegen Unterdrückung – und im schönen Frankfurt konnte sich kaum jemand durchringen, zu den Waffen zu greifen.

Henriette hatte sie gefragt, ob sie mit ihr zum Yoga gehen wolle. Sie wirke so verspannt in letzter Zeit … Die heilende Wirkung bewussten Atmens könne ihr helfen. Gabi wurde aggressiv. Sie wollte nicht Henriettes glückseliges Grinsen im Gesicht haben. Es gab keinen Grund zu grinsen.

Sie überlegte, ob sie einen Kuchen backen sollte. Ohne Anlass. Einfach so. Joachim überraschen. Irgendwie hatte sie Lust. Sich mit dem duftenden Kuchen vor die Außenklotür zu stellen und zu warten, wie er reagieren würde. Ihn einfach anlächeln. Das ewige Gequatsche einfach sein lassen. Aufs Land ziehen. Eine Familie gründen.

Sofort erschrak sie. Waren das ihre Gedanken? Das treudoofe Heimchen am Herd strebt nach seinem kleinen Glück, während draußen die halbe Menschheit unterdrückt wird?

Sie musste weg hier. Schnellstens und für immer. Gabi schnappte sich ihre Jacke und ging. Ohne auf halber Treppe an die Toilettentür zu klopfen.


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