Judith H. Strohm

UTOPIA

Zum Anhören: Utopia (11:56)

„War doch gar nicht so spät gestern“, dachte Kat, „drei, höchstens halb vier.“

Sie nahm einen kräftigen Schluck von dem abgestandenen Whisky, der seit Tagen in einem Glas herumstand, spülte den Mund und spuckte die Zahnpasta neben die schmutzi­gen Teller in die Spüle. Mit den Fingern fuhr sie durch ihre grauen Haare. 

War da nicht irgendein Kerl gewesen letzte Nacht? José oder Xavier oder –. Egal. 

Kat klemmte sich eine Zigarette in den Mundwinkel, zog die Unter­hose aus ihrer Pofalte und begann unter Büchern, No­tizzetteln und schmutziger Wäsche, nach dem Feuer­zeug zu suchen.

 

Überrascht wandte sie sich um, als sie das Pochen des Schnabels an der Scheibe hörte, zündete die Zigarette an und öffnete das Fenster. Halb flog, halb fiel ein grauweißer Federball auf den Holzboden vor ihre nackten Füße und verharrte dort zunächst reglos. 

Seit die ISA, der global ope­rierende Geheimdienst, kritische Journalisten wie Kat welt­weit überwachte hatte sie die Brieftaube - diesen leben­den Anachronismus - schätzen ge­lernt.

Unweit der Berliner Stadtgrenze hatte Kat eine alte Scheune zum Wohnhaus umgebaut, dahinter lag der Taubenschlag. Ja, sicher altmodisch, in jedem Fall aber: Unverdächtig. Und die Viecher wa­ren verlässlich, schnell und zäh. Leistungssportler in ihrer kompaktesten Form. Ihr größter Vorteil bestand unzweifelhaft darin, dass die I.S.A. sie noch immer nicht entdeckt hatte, und Kat ihre Informanten – man musste sagen: noch - schützen konnte.

 

Dabei hasste Kat Vögel. Die Taube hatte sich etwas erholt und flatterte nun aufgeregt auf den Dielen herum. Wie immer hat­te sich das kleine Tier völlig verausgabt und rang mit geöffnetem Schnabel und glasigem Blick um Luft. Kat ging in die Knie und musste die Augen schließen - so sehr ekelte sie sich vor dem Tier – aber schließ­lich griff sie doch beherzt zu. Zwischen ihren Hän­den beruhigte sich der Vogel schnell, und Kat fühlte unter den Federn das kleine Herz schlagen. Sie entnahm dem Metallröhrchen am Fuß der Taube einen hellgrünen Zettel. Dann brauchte sie eine Weile, um den Code zu entschlüsseln. Sappho hatte ihn entwickelt. Verflucht schlaues Mäd­chen! Und sie war es auch, die jetzt die Nachricht geschickt hatte. 

 

Kat hielt einen Moment inne. Wie lange kannte sie Sappho nun schon? 

Zum ersten Mal waren sie sich irgendwann Ende der 10er Jahre begegnet. Sie, Kat, war damals noch neu im Job, eine junge Journalistin, hoch motiviert, leidenschaftlich und mit dem festen Glauben an die Mission des investigativen Journalismus. Sappho, kaum zehn Jahre jünger als Kat, hatte die Schule gerade abgebrochen. Alles, was sie für ihr späteres Leben brauchen würde, hatte sie sich damals schon selbst beigebracht. In Kryptologie konnte ihr noch immer niemand das Wasser reichen. 

 

Kat seufzte, zog an ihrer Zigarette. Vielleicht war sie allmählich einfach zu alt für diesen Scheiß!

 

Es musste auf einem der letzten Kongresse des Chaos Computer Clubs gewesen sein, kurz bevor die Nachricht die Runde machte, die NSA, Vorgängerorganisation der ISA, hätte Edward Snowden entführt. Der war damals die Ikone der Datenschützer und Menschenrechtler. 

Kat lachte trocken. Lange her, dass sie diese Worte irgendwo gehört hatte.

Snowden, ehemals Systemadministrator der NSA, hatte durch seine Enthüllungen das weltweite Überwachungsnetz durch die Geheimdienste in nie dagewesenem Ausmaß sichtbar gemacht. 

Später dann, es war wohl im Herbst '17 oder '18, gab es Gerüchte von Snowdens Tod. Er sei in irgendeinem dunklen NSA-Loch verhungert, sagten die einen. Die andere sprachen von  Folter, unaussprechlichen Dingen. 

Tatsächlich hatte niemand sichere Informationen.

Doch genau wie seine Enthüllungen, so veränderte auch Snowdens Tod noch einmal den Fortgang der Welt. 

2020 entschlossen sich Sappho und mit ihr zwei Dutzend der besten Hacker, in den Untergrund zu gehen und waren seither als Netzwerk UTOPIA aktiv, das Geheimdienstaktivitäten veröffentlichte und sie durch gezielte Cyber-Angrifffe zu vereiteln suchte. 

Über dreißig Jahre war das nun schon her, in denen Kat und Sappho sich nur wenige Male getroffen hatten.

„Einmal im Jahrzehnt muss genügen“; hatte Sappho bei ihrem letzten Treffen gesagt und dabei dieses helle Lachen gelacht, das sie sich zu Kats Verwunderung und trotz allem erhalten hatte. 

Doch vieles hatte sich seither auch geändert.

Längst schaute niemand mehr nach oben, wenn das leise Surren der Drohnen zu hören war. Tag und Nacht standen allein fünfundvierzig von ihnen im Himmel über Berlin, zeichneten alle Bewegungen am Boden auf und funkten ununterbrochen Fotos und Filmschnipsel, Wärmebilder, sendeten einen nie abreißenden Datenstrom. Zuerst hatte es noch Diskussionen gegeben über Terrorismusabwehr und Kinderschutz. Heute fragte niemand mehr, warum die Drohnen überhaupt da waren. Die ganz offensichtliche, immerwährende Überwachung war selbstverständliche Alltäglichkeit.

 

Aus Lateinamerika, Afrika und Asien kamen immer häufiger, in den letzten Jahren beinahe täglich Nachrichten von tödlichen Drohnenattacken über den Newsticker. Die Medien berichteten kaum mehr darüber, selbst Kat gelang es immer seltener das Thema zu platzieren. Denn auch daran hatten sich die Menschen im Laufe der Zeit gewöhnt - zumindest diejenigen, die nicht in den Zielgebieten lebten. 

 

Kat schnippte die brennende Zigarette in die Tasse mit kaltem Kaffee, der auf dem Küchentisch stand. Endlich hatte sie Sapphos Code geknackt. Die Nachricht war eindeutig: SELBSTGESTEUERT stand dort. Kat schlug mit der Hand auf den Tisch, so dass das Geschirr klirrte, strich sich im nächsten Moment eine Haarsträhne aus dem Gesicht und angelte nach einer Flasche Tequila, die neben dem Stuhl auf den Dielen stand, nahm einen großen Schluck und steckte sich eine weitere Zigarette an. 

 

Sappho bestätigte also, was UTOPIA schon lange vermutet hatte. Der Albtraum war  Realität.

 

Denn nun hatte es auch andernorts Tote gegeben. Siebenundachtzig Menschen waren in den letzten Tagen gestorben. Männer, Frauen, Kinder, Einheimische und Touristen, Wachleute und Manager. Ein Muster war nicht zu erkennen. Sie waren gestorben in einem Vorort von Madrid, dann in Texas, wo eine Ölraffinerie seither in Flammen stand und schließlich ja auch mitten in Berlin. Der Alexanderplatz war weitgehend zerstört. 

 

Die Drohne hatte zunächst ein Geschoss abgefeuert und damit die Tram-Haltestelle zerstört und die dort Wartenden getötet. Pulverisiert wäre wohl das präzisere Wort. Noch waren nicht alle Toten identifiziert, da von ihren Körpern nicht mehr übrig war als die über die Trümmer versprengten DNA-Spuren. Als Menschen aus allen Richtungen herbeigelaufen waren, Helfer und Schaulustige, waren in kurzer Abfolge drei weitere Geschosse eingeschlagen. Jedes einzelne hatte weitere Schmerzen und weiteres Leid gebracht.

Wenige Stunden später, unmittelbar nach der Freigabe durch die Sicherheitskräfte, war Kat als eine der ersten Journalisten über die Reste des zerstörten Platzes gestiegen. Sie hatte ein Tuch vor Mund und Nase pressen und ständig gegen den Brechreiz ankämpfen müssen, da in der Luft der Geruch von verkohltem Fleisch hing. Wo zuvor Passanten über die offene Fläche gelaufen waren, in deren Mitte ein Springbrunnen zum Verweilen einlud, lag nun nur ein einziges Feld von Gesteins- und Asphaltbrocken, auf denen das Blut in der Sonne trocknete. Kat ließ ihren Blick über das Gelände schweifen. Welcher Sender, welches Handy hatte hier wohl als Zielmarkierung gedient?

 

Die­se neuen Drohnenangriffe also, die nun auch in Europa und Nordamerika in der Dämmerung und wie aus dem Nichts über die Menschen hereinbra­chen, wurden von nirgendwo mehr gesteuert. Das war Sapphos Nachricht.

 

Bereits seit Jahren hatte die ISA diese Entwicklung vorangetrieben: Auf der einen Seite gigantische Datenbanken, in jeder Sekunde millionenfach mit neuen Informationen gefüttert, die die Datensätze kombinierten und mit Hilfe der ISA- Algorithmen neue Ziele identifizierten. 

Auf der anderen Seite die neue Drohnen-Generation: Früher waren es die Reaper- oder  Predator-Modelle mit den Hellfire-Geschossen gewesen, heute war die kleinere Hunter-Drohne mit dem wendigeren Destroyer-Kaliber und einer hochkomplexen Zieltechnik im Einsatz. Diese weiter entwickelten Drohnen griffen vollautomatisch auf die Datensätze zu, zogen die Zielkoordinaten vom Zentralserver und verrichteten dann ihr Werk. Präzise, ressourcensparend und mit tödlicher Effizienz. 

 

Irgendetwas war nun aber wohl aus dem Ruder gelaufen. 

 

Doch die ISA würde ihr technisches Versagen niemals eingestehen.

Um die Sache zu vertuschen, streute die Agency bereits seit Tagen das Gerücht, die Aktivisten von UTOPIA hätten sich in die Steuerungs­zentrale gehackt und würden die Drohnen manipulieren, so, wie sie es zuvor schon mit anderen ISA-Daten getan hätten. Sumadur Jenkins, Außenminister der nordamerikanischen Allianz, hatte zu Protokoll gegeben, dass führende Sicherheits­kreise UTOPIA schon seit länge­rem im Verdacht hätten und nun alles daran setzten, diese Cyber-Terroristen zur Strecke zu bringen. 

Da war es also wieder, seit langem: Das T-Wort.

 

„Bullshit“, dachte Kat und wusste zugleich, dass die Bevölkerung alles glauben würden, wenn sie es nur oft genug hörte. 

Sappho war in größter Gefahr. 

Kat würde ihr wochen- vielleicht sogar monatelang keine Nachricht mehr schicken können. Noch sicherer als die Brieftauben war schließ­lich das Schweigen.

 

Die Taube war jetzt wieder recht munter, flatterte zur Küchen­decke und ließ sich dann auf dem Tisch nieder.

„Scheiße“, sagte Kat, zündete sich eine neue Zigarette an, blies den Rauch durch die Nasenlöcher und sah den Vogel aus dem Augen­winkel an. 

„Hilft ja nichts“, sagte sie schließlich und schüttete ein wenig Müsli auf die Tischplatte. 


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