Judith H. Strohm

MOHN, BLUTROTER MOHN

Mit festen Schritten geht Kelly vom Auto zum Haus. Der Schweiß perlt unter den kurzen Haaren hervor, bildet einen dünnen Film auf ihrem Nacken und läuft in das olivfarbene T-shirt, das sich am Halsausschnitt schon dunkel färbt.
„MummyMummyMummy!“ Auf dem hellen Steinweg stolpert ihr Priscilla entgegen - mit tapsigen Schritten, hochgerissenen Ärmchen und fliegenden Locken.
Kelly wirbelt Priscilla durch die Luft und küsst sie.
„Wer ist Mummys Engelchen?“, ruft sie, „wer ist Mummys Schatz?“ und kitzelt Priscilla bis die vor Vergnügen quiekt.
„Mummy, Blumen!“ Kellys Blick folgt Priscillas ausgestrecktem Zeigefinger zu den Mohnblüten, die im sanften Wind schaukeln. Hoffentlich wird das Wetter
auch morgen noch halten. Sie wollen doch Priscillas dritten Geburtstag feiern, ihre erste richtige Party.
Kelly tritt ins Haus und lässt Priscilla hinunter, die singend in die Küche hüpft. Eher zufällig sieht Kelly in den Flurspiegel und erschrickt. Dunkel gerändert blicken ihr tiefliegende Augen entgegen. Dazu spürt sie einen merkwürdigen Schwindel.
Als Pilotin hat sie zum 34. Jagdgeschwader gehört, ist Einsätze mit der Hornet, dem Kampfjet der US-Navy, geflogen.
Und jetzt? Eine Soldatin am Schreibtisch? Kelly verzieht angewidert das Gesicht. Sie starrt mit hartem Blick in den Spiegel, spannt Muskel um Muskel und salutiert schließlich vor sich selbst. Dann öffnet sie die Tür zur Küche.
„Du siehst erschöpft aus, Schatz“, sagt Gary und streicht ihr zärtlich über die Wange.
„Hm“, brummt sie, setzt sich an den Tisch und legt das Gesicht in die Hände. Blinkende Bildschirmpunkte flimmern noch immer auf ihrer Netzhaut. Kelly beginnt ihre rechte Hand zu massieren, mit der sie stundenlang den Steuerknüppel umklammert hat. In letzter Zeit häufen sich die Krämpfe und auch der seltsame Schwindel.
„Ist alles gut gegangen?“, fragt Gary.
Kelly blickt ihn mit zusammengekniffenen Augen und schmalen Lippen an.
„Ich meine doch die Spezialoperation für P.“, sagt er, zwinkert ihr zu und lacht.
„Yes, Sir!“ Ein Lächeln huscht über Kellys Gesicht. Sie denkt an das große rosa Schaukelpferd im Kofferraum ihres Autos, Priscillas Geburtstagsgeschenk – ganz so, wie es sich für kleine Prinzessinnen gehört.
Zur gleichen Zeit meldet die Nachrichtenagentur Reuters: „Islamabad. Zweiunddreißig Zivilisten, vor allem Frauen und kleine Kinder, wurden laut Human Rights Watch beim Angriff einer US- Drohne im pakistanisch- afghanischen Grenzgebiet getötet. Bislang verweigert das Pentagon jeden Kommentar, ebenso das Weiße Haus.“
Weltweit werden nur wenige Zeitungen das Foto der Kinderleichen inmitten eines leuchtend roten Mohnfeldes drucken. Schon innerhalb weniger Stunden wird der Vorfall in Vergessenheit geraten. Die internationale Presse wird ein neues Thema finden: Obama will einen zweiten Hund! Ob es wieder ein portugiesischer Wasserhund wird, werden die Journalisten den US-Präsidenten fragen.
Dennoch wird Kelly ihren Vorgesetzten auf dem Stützpunkt und später in einer Videokonferenz mit Washington einiges erklären müssen - zu der Reaper – Drohne, zu den lasergesteuerten Hellfire - Geschossen und zu den Zielkoordinaten, die der deutsche BND geliefert hat. Kelly wird die Geburtstagsparty verpassen, und auch das Schaukelpferd wird die enttäuschte Priscilla nicht beruhigen können.
Fortan wird der Schwindel Kelly nie wieder loslassen.

Doch noch ahnt sie von alldem nichts. Noch sitzt Kelly mit ihrer Familie am Küchentisch, trinkt Milchkaffee und isst Schokoladenkekse.


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