Judith H. Strohm

I LOVE NEW YORK CITY

Text zum Anhören: I love New York City (Audio)

Islamische Republik Pakistan – ich trinke auf dich! Auf deine korrupten Politiker und Generäle, auf dieses gottverlassene Land, in dem der Tod lautlos aus dem Abendhimmel fällt. Auf deine verlorene Jugend. Ja, ich trinke auf dein Wohl! Trinken ist politischer Widerstand. Mit jedem Schluck stärke ich den liberalen Geist Lahores. Lahore, du Scheiß-Moloch - ich trinke auf deine versoffenen Intellektuellen. Natürlich wird der Fusel mich irgendwann umbringen. Aber bis dahin ist er das einzige, was mich am Leben hält.
Ich habe meine Mutter gemalt und meine Schwestern, meine Tanten und Kusinen, wie sie sich gegenseitig das Haar kämmen, eines ihrer vaterlosen Kinder im Arm wiegen oder vor dem Haus auf einen Freier warten.
Sie alle habe ich gemalt - nur Nadira nicht. Sie war auch keine Hure. Stolz war sie dennoch und auf eigentümliche Weise schön, trotz der Narbe. Ich erinnere mich an ihre schmalen Handgelenke, ihre Haut wie aus fließender Seide und eben die Narbe auf der rechten Wange - von einem Hundebiss in der Kindheit.
Es war während des Monsuns, und wie immer brachte der Regen keine Abkühlung. Der Dunst stieg aus großen Pfützen. Ein Geruch von süßem Moder hing in der Luft und vermengte sich mit dem Duft des Tawa Chicken, der aus der Küche wehte.
Der Getränkehändler - ein kleiner dicker Mann mit gigantischen Schweißflecken unter den Achseln - stand heftig gestikulierend auf dem Gehsteig.
„Schneller! Jetzt mach schon, du Sohn einer räudigen Katze“, fluchte er.
Der Schweiß tropfte von meiner Nase, während ich die Getränkekisten zum Restaurant auf der Dachterrasse schleppte. Das Geländer ist wurmstichig und würde einen Sturz kaum auffangen. Die Treppe führt vorbei an Wandnischen, in denen Öllampen neben Hindu- Gottheiten flackern. Ich musste ziemlich aufpassen, da ich nicht in die Tiefe fallen und auch nicht in Flammen aufgehen wollte. Zudem sind die Stufen abgetreten und steil, und ständig verlor ich eine meiner Sandalen.
Hinunter nahm ich immer zwei Stufen auf einmal, rief dem Getränkehändler entgegen, er sollte sich mal nicht so anstellen und rannte sie dann beinahe um. Ja, bin voll in sie rein, hatte sie gar nicht gesehen - dabei war sie wirklich eine Erscheinung!
„Entschuldigung“, nuschelte ich und hastete weiter.
„Moment mal“, rief sie. Und ich nahm zum ersten Mal diesen Duft wahr, nach Seife und Rosenwasser. Ich drehte mich zu ihr um – also drehte eigentlich nur den Kopf, während meine Füße weiter geradeaus liefen. Im nächsten Moment stolperte ich über die Weinkisten und lag auch schon auf dem Boden, das Gesicht verzerrt vor Schmerz und auch vor Scham.
Sie machte zwei Schritte auf mich zu, lachend, und streckte mir die Hand entgegen. Ich wagte kaum, sie anzusehen - so dreckig waren meine Fingernägel, so verschwitzt das Hemd. Sie nickte aufmunternd und zog mich schließlich mit einem überraschend kräftigen Ruck auf die Füße. Da stand ich dann und glotzte - so blöd als wäre sie eine zweiköpfige Kashmir-Ziege in der Herde meines Onkels.
„Ist ja ... mutig“, stammelte ich irgendwann und blickte auf das kurze Shirt, unter dem sich ihre kleinen festen Brüste abzeichneten.
„Ach das. Ist doch nur so ein Touristending.“ Eine lässige Handbewegung wischte meine Anerkennung beiseite.
Dabei war es in Pakistan – selbst hier im relativ liberalen Lahore - auch zehn Jahre nach dem 11. September keine Selbstverständlichkeit, mit dem Slogan I love New York Cityauf der Brust herumzulaufen.
Der Getränkehändler verfluchte mich lautstark. Ich hatte ihn völlig vergessen.
Ich habe sie nur hier im Cuckoo's Dengesehen. Wo sonst? In Lahore ist es der einzige Ort für solche Begegnung. Die Leute vom französischen Konsulat und von Amnesty International kommen hierher genauso wie der Polizeichef, Politiker und andere Wichtigtuer. Auf der Dachterrasse ist man weit weg von der Hektik, schwebt über den verstopften Straßen, dem ewigen Hupen und Handyklingeln. Hier oben ist Ruhe für ein Gespräch und für gutes Essen.
Von der Terrasse aus sieht man die Badshahi Moschee, die vor Ewigkeiten von irgendeinem Großmogul erbaut worden ist. Und gleich hinter dem Restaurant beginnt das Diamantenviertel. Da komme ich her. Diamanten – naja. Die gibt es sicher auch, irgendwo, wie es eigentlich alles hier gibt. Aber vor allem gibt es: Frauen. Mädchen ohne ein einziges Haar an ihren schmächtigen Kinderkörpern, die Jungfrauen sind am teuersten. Dann die Erfahreneren, die noch unverbraucht aussehen oder eben die drallen Reifen, die ihre Augen dick mit Kajal umfahren.
Dem Restaurant gegenüber steht also eine der prunkvollsten Moscheen Pakistans, auf der Rückseite liegt der größte Puff. Und mittendrin zwischen Himmel und Hölle das Cuckoo’s Den– übrigens das beste Restaurant der Stadt.
Schon seit mehr als zehn Jahren arbeite ich hier als Putzhilfe, Kellner oder Küchenjunge – was eben gerade gebraucht wird. Was sollte ich anderes machen als Sohn einer Prostituierten? Wir Jungs hatten es in Heera Mandi nie leicht. Die Geburt eines Sohnes ist immer ein Tag der Trauer, denn wir können die Tradition nicht fortsetzen. Bis du vierzehn bist, füttert dich deine Mutter oder sonst wer durch. Dann bist du auf dich gestellt.
Hier im Restaurant bekomme ich Essen und habe ein trockenes Bett in der Kammer unter der Treppe. Früher gab ich das Trinkgeld für Farben aus, manchmal reichte es auch für eine Leinwand. Jetzt kaufe ich Rum oder Gin oder Wodka – was es eben auf dem Schwarzmarkt gerade so gibt. Ich trinke auf die Christen, Sikhs und Hindus, die mich beliefern. Was würde ich nur ohne euch und eure Berechtigungsscheine für Alkohol tun?
Nadira kam regelmäßig ins Restaurant, immer mit demselben Mann. Ich glaube nicht, dass er ihr am Ende des Abends Scheine zusteckte. So eine war sie nicht. Ganz offensichtlich war er jedoch wohlhabend, vielleicht sogar reich, in jedem Fall mindestens fünfzehn Jahre älter als sie. Manchmal kam sie früher, wenn es gut lief sogar eine Viertelstunde, und wir unterhielten uns.
„Kennst du den neuen Film mit Shah Rukh Khan?“, fragte ich und sie lachte.
Sie studierte an der Kunsthochschule - Architektur oder sowas. Sie erzählte mir von den Moscheen in Lahore, von den Kolonialbauten der Briten, den Wolkenkratzern der Banken und Hotels. Sie war wirklich klug.
Eines Tages stapfte ihr Begleiter ins Restaurantfoyer und schob sich mit aufgepumptem Brustkorb zwischen uns.
„Halte dich fern von ihr!“, sagte er mit zusammengezogenen Brauen und zerrte Nadira anschließend die Stufen hoch.
Danach sprachen wir wochenlang nicht miteinander, lächelten uns nur flüchtig an oder nickten uns zu. Ich legte ihr Blüten auf den Teller, mal die zarte Dolde einer Schwanenblume, mal den Zweig des kräftig blühenden Rhododendrons.
Ich konnte kaum ertragen, wie sie über seine plumpen Witze kicherte und mit gespielter Schüchternheit die Augen senkte, nur um ihm zu gefallen. Während er sich aufplusterte wie ein Pfau, ließ sie die Schultern hängen und gab mir das Zeichen, ihr noch Wein nachzuschenken.
Eines Abends hatte ich ungewöhnlich früh Feierabend und wollte gerade die Tür meiner Kammer öffnen, als sie „Hallo Amir“ durch die Eingangshalle rief.
Überrascht drehte ich den Kopf.
„Was machst du jetzt?“, fragte sie.
„Malen, denke ich.“
„Darf ich dir zusehen?“
„Und dieser Kerl?“
„Heute hat er mich versetzt.“
Ich verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen und öffnete die Tür. Ohne Zögern betrat sie mein kleines Zimmer unter der Treppe. Ich ging hinter ihr hinein.
Da ich gerade von der Arbeit kam, wusch ich mich am Becken und beobachtete ihre Rückenansicht im Spiegel. Unter den kurzen Locken war ihr schlanker Nacken von dunklem Flaum bedeckt. Mir wurde schwindelig, so schnell schlug mein Herz.
Sie strich mit ihren Fingern über die Leinwand, auf der die Farbe gerade getrocknet war und betrachtete meine Skizzen an der Wand: Augen, Münder, Schenkel. Mit einer Geste der Selbstverständlichkeit hängte sie ihr Schultertuch über den Stuhl. Sie trug wieder dieses New York-T-Shirt, unter dem ein schmaler Streifen Haut hervorblitzte, wenn sie sich zu den Skizzen beugte. Ich knetete ein Handtuch in meinen feuchten Händen und wagte kaum zu atmen.
Plötzlich drehte sie sich um. Sie lächelte nicht und wartete, bis auch ich mich ihr zuwandte.
„Mal' mich!“
Es war keine Frage gewesen. Ihr rechtes Augenlid zuckte ein wenig, ansonsten zeigte sie kein Zeichen von Aufregung. Hastig mischte ich die Farben an und spürte, wie mir die Hitze das Rückgrat hinauf in den Kopf stieg.
Nadira saß auf der Bettkante und stützte sich nach hinten ab, drehte das Gesicht, drehte mir die Wange mit der Narbe entgegen, so als ob sie mir etwas von sich offenbaren wollte.
Und dann – ganz unvermittelt - zog sie das T-shirt aus und saß mir in Jeans und BH gegenüber. Woher nahm sie nur den Mut? Schließlich hätte sie ihre Ehre verlieren können, vielleicht sogar ihr Leben, wenn uns jemand entdeckt hätte. Seufzend ließ ich den Pinsel sinken. Wie hätte ich sie malen können? Sie war vollkommen - meine Kunst war es nicht.
Das Klingeln des Handys riss uns abrupt zurück ins Hier und Jetzt. Zögerlich nahm sie den Anruf entgegen und nur Sekunden später füllten sich ihre Augen mit Tränen. Kein Ton war zu hören. Panik stieg in mir auf.
Da wickelte sie sich schon in ihr Tuch, schnappte ihre Tasche, stieß die Tür auf und rannte hinaus. Alles ging schnell, zu schnell, und doch sehe ich diesen Film in Zeitlupe in meinem Kopf – immer wieder und wieder.
Nadira ist seither verschwunden. Nur ihr T-Shirt ist hier geblieben.
Es heißt – das habe ich erst Wochen später gehört – Nadiras Eltern wären an diesem Abend von einer US-Drohne getötet worden. Ihr Bruder, wohl einer von den Religiösen, vielleicht auch so ein Scheiß-Taliban, hätte sie danach zu sich geholt.
Vor einigen Tagen habe ich den Eimer auf die Straße vor dem Restaurant geleert. In der Morgensonne glitzerte das Putzwasser auf dem Asphalt wie fließendes Gold. Mit der Hand schirmte ich meine Augen gegen das blendende Licht ab. Eine junge Frau auf den Stufen zur Moschee drehte sich um und sah mich an. Ihr Gesicht war gerahmt von einem eng anliegenden dunklen Schleier. Ich will nicht glauben, dass sie es war.


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