Judith H. Strohm

Blum und der Punk

Blum und der Punk
Blum und der Punk

 

Blum stand am Fenster seines Büros, blickte auf den Marktplatz und nahm einen Schluck Kaffee. Mit Bedacht schob er ein Stück Herrenschokolade in den Mund. Bittere Schokolade zum bitteren Kaffee. So hielt es Blum, seit er hier Bürgermeister war. 

 

Diesmal sollte es ja tatsächlich eine Gegenkandidatin geben – Blum schmunzelte - ein junges Ding, zugezogen, machte was mit Kindern. Wohl kaum eine ernstzunehmende Konkurrenz.

 

Als sich die Tür nach einem zögerlichen Klopfen öffnete, wandte Blum sich um.

Es war Limberg, Leiter des Sozialamtes, wie immer einen Stapel Vorgänge unter dem Arm.

„Der polnische Junge mit diesen bunten Haaren, der vor der Kirche lungerte...“, sagte Limberg und blieb auf halbem Weg zu Blums Schreibtisch stehen.

„Asoziales Gesindel“, zischte Blum.

„Keine Sorge, er ist weg, der Stadt verwiesen, ein für alle Mal.“

„Hm.“, brummte Blum.

Limberg schaute irritiert.

„Monatelang sprechen wir darüber“, polterte Blum los, „und erst jetzt werden Sie aktiv?“

„Aber die rechtlichen Grundlagen...“

„Gesetzte, Gesetze. Kleinkarierte Erbsenzählerei! Hören Sie, Limberg! Der Kirchenkreis sitzt mir jetzt im Nacken. Der nette Junge hätte für die Damen immer Gitarre gespielt und blabla. Sie wissen schon.“

„Was soll ich wissen?“

„Na, bringen Sie ihn wieder her, Limberg! Hophop!“

„Aber Sie wollten doch…ich sollte doch...!“

„Papperlapapp! Limberg, Ihnen fehlt der strategische Weitblick.“

„Bitte?“

„Eben der Blick aufs große Ganze. Ja, worauf warten Sie denn noch?“ Auf Blums Hals zeichneten rote Flecken ein unregelmäßiges Muster.

Kopfschüttelnd verließ Limberg das Büro.

 

Blum öffnete den obersten Hemdknopf.

Was erlaubte sich Limberg neuerdings? 

Vierzehn Jahre Bürgermeister! Das kam doch nicht von ungefähr. Er, Blum, hatte schließlich ein Gespür für die Bedürfnisse der Menschen. 

Und wenn die Damen des Kirchenkreises jetzt ihren verlausten Gitarrenspieler zurück wollten – sei's drum. Schließlich galt es jetzt, die Mehrheit zu sichern. 

Nach der Wahl würde man weitersehen. 

 

Blum sah auf seinen Schreibtisch. In einer durchsichtigen Plastikverpackung stand dort eine goldfarbene Plastikkatze. 

„Oh, eine Winkekatze – wie süß“, hatte Blums Sekretärin gesagt. 

Blum war das völlig egal.

Entscheidend waren die Solarzellen auf der Rückseite des Plastiktieres, die das Winken antrieben. Solarzellen – wenn alles so lief, wie Blum es sich vorstellte, bald nicht mehr made in China, sondern made in Germany. Seit drei Tagen war die Delegation aus Fernost nun in der Stadt. Blum hatte das Treffen bewusst in den Wahlkampf gelegt, schließlich besaß er strategischen Weitblick. Die Chinesen ließen sich an allerlei kuriosen Orten – vor Verkehrsschildern, Hundesalons und Sexshops - mit Kameras aller Größen knipsen. Blum hatte die Sekretärin und seine Frau für das Tourismusprogramm eingespannt. 

„Ihr macht das schon!“

Und jetzt verteilten die Chinesen, wo immer sie gingen und standen, diese albernen, solarbetriebenen Winkekatzen. 

Drei Tage Ringelpietz müssten nun aber mal genug sein, die Chinesen sollten sich endlich mal entscheiden. Aber wie könnten sie auch nicht? Schließlich lagen draußen im Industriegebiet  fünfzehn Hektar frisch erschlossene Brache, Fördergelder für Neuansiedlungen inklusive. 

Chinesen! Früher hätte Blum sich solche Investoren nicht vorstellen können. Früher hätte er gesagt, der Chinese soll sein Geld mal schön selbst behalten. Aber heutzutage, heutzutage musste man...

 

Blums Telefon klingelte.

„Ah, Limberg, schön! Also: In welchem Rattenloch haben Sie unseren Buntspecht aufgespürt?“

„Krajewski heißt er übrigens.“ 

„Und weiter?“ Blum trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

„Krajewski will nicht.“ Limberg atmete schwer in den Hörer.

„Was soll das heißen?“

„Er arbeitet jetzt bei einem Gemüsebauern. Beschäftigung, Karotten, frische Luft. Er will nicht zurück in die Stadt.“

„Er will nicht? - Er will nicht! Für wen hält sich dieser elende Polacke?“ Blum spuckte die Worte in den Hörer und knallte ihn auf das Telefon.

Er starrte auf einen Punkt auf dem Tisch, nahm einen Stift, legte ihn wieder weg.

 

Dann war dies wohl ein Fall für die Notfallschachtel! Manchmal blieben von kommunalen Fördergeldern kleinere Beträge übrig, die niemand zurück forderte. Und so hatte Blum irgendwann eine Schachtel in seinen Schreibtisch gestellt - für einen eventuellen Notfall. Und der Notfall war jetzt da, zweifellos. Er musste diesem polnischen Penner eben ein Angebot machen, genau wie er den Chinesen ein Angebot gemacht hatte.

 

Am folgenden Tag klingelte Blums Telefon erneut. Der Anrufer war Journalist, eigentlich mit Recherchen zu Biobauern befasst. Aber nun hatte er Fragen zu einem gewissen Miroslav Krajewski, der minderjährig noch, der Stadt verwiesen worden war.

„Also das“, bellte Blum in den Hörer, „das sei ja wohl eine bodenlose Behauptung, eine Frechheit, eine infame Lüge!“ 

Ein Artikel erschien in der Lokalzeitung und nach wenigen Tagen war die „Affäre Miroslav“ das Gesprächsthema Nummer eins, beim Friseur, beim Bäcker und beim Schützenverein. Von den Chinesen und ihren solarbetriebenen Winkekatzen sprach niemand mehr.

 

Blum blickte aus dem Fenster hinunter auf den Markplatz. Die Frauen des Kirchenkreises verteilten dort Handzettel für Dr. Sabine Neuhaus, Kinderärztin und Bürgermeisterkandidatin der Freien Wähler.

 

Womöglich, dachte Blum und nahm einen Schluck bitteren Kaffee, womöglich könnte diesmal selbst die Notfallschachtel nicht helfen. 


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