Judith H. Strohm

Abschied von etwas

Stelldichein
Stelldichein

Yvonne war im Begriff die Haustür aufzuschließen. Doch plötzlich hielt sie inne, zog die Hand zurück und presste den Schlüsselbund an den Bauch. Das Metall war kühl und hart. Sie machte einen Schritt von der Tür zurück in Richtung Gehsteig, Stare lärmten in der Kastanie vor dem Haus. Von weitem schallten Stimmen und Lachen, dann zerbrach Glas, vielleicht auf dem Asphalt. In der Weserstraße standen wohl noch die letzten Gäste vor den Kneipen in der Morgensonne. Vor wie vielen Jahren war sie zum letzten Mal dort gewesen?

Früher war der Sommer für Yvonne eine einzige große Party gewesen. Schon damals hatte das Fitness-Studio, in dem sie arbeitete, vierundzwanzig Stunden geöffnet. Und Yvonne hatte gerne die Frühschichten übernommen. Meist war sie direkt von einer Party ins Studio gekommen, hatte aus dem Fenster den Sonnenaufgang beobachtet und die Vogelschwärme über der Stadt. Ab sieben Uhr hatte sich das Studio gefüllt. Sie erklärte neuen Kunden die Geräte, mixte Shakes und erledigte Papierkram. Um zwölf Uhr war ihre Schicht zu Ende und sie fuhr ohne Umwege ins Columbiabad, sprang ins Wasser und schlief dann stundenlang unter einem Baum. Zu Hause war sie in diesen Sommertagen nur, um die Kleider zu wechseln. Abends war sie wieder losgezogen, durch die Kneipen in Kreuzkölln oder zu einer Party in irgendeiner Studenten-WG.

Doch dann kam dieser Morgen, dieser eine Morgen, der alles für immer verändert hatte. Nie zuvor war Yvonne in Karlshorst gewesen, schon gar nicht in dieser Laubenkolonie. Später konnte sie sich auch nicht erinnern, mit wem oder wie sie auf die Gartenparty gekommen war. Als die Sonne hinter der Brombeerhecke aufgestiegen war, bahnte sie sich einen Weg zwischen den Partygästen hindurch, die auf der Wiese um die Laube schliefen. Yvonne lief aus dem Garten und der Kolonie hinaus auf die Straße, noch immer ziemlich bekifft, entdeckte eine Bushaltestelle, lehnte sich gegen das Wartehäuschen und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Sie seufzte mit geschlossenen Augen und empfand diese dumpfe, irgendwie wohlige Erschöpfung nach einer durchfeierten Nacht. Und dann wurde sie geküsst. Ganz plötzlich und einfach so. Es schmeckte nach Rauch und Bier, Schweiß, Aftershave. Sie spürte Bartstoppeln und schmale Hände um ihre Taille. Yvonne öffnete die Augen.

„Ich bin Raffael und du bist wunderschön“, flüsterte er. Sie hatte ihn auf der Party im Garten gesehen, aber besonders aufgefallen war er ihr nicht.

Dieser Kuss und diese Leichtigkeit! Was gäbe sie dafür, dieses Gefühl noch einmal zu spüren, dieses einfach Da-Sein, ganz und gar, im Hier und Jetzt?

Yvonne lehnte sich gegen die Kastanie vor dem Haus, schluckte und fühlte die Trockenheit in ihrem Mund. Auf der Rinde krabbelten Ameisen, ein dicker schwarz-blauer Käfer, ein bunter Falter setzte sich kurz und flog sofort wieder weg. Was, wenn sie einfach ginge – jetzt, sofort? Wenn sie den Schlüssel nicht ins Schloss stecken und nicht zu Raffael und Leni in den dritten Stock hochsteigen würde? Wenn sie stattdessen einfach in die Weserstraße laufen oder zum Columbiabad fahren würde? Wenn sie dort im Schatten eines Baumes auf der Wiese schlafen würde? Am Abend könnte sie wieder losziehen, dem Beat der Stadt folgen durch die Bars und Clubs, in denen sie schon lange kein Stammgast mehr war.

Damals hatte Yvonne in Raffaels Zimmer ihre Unterwäsche nicht finden können und sich gefragt, ob sie sie vielleicht schon im Garten vergessen hatte. Schließlich hatte sie dort mit diesem Mädchen rumgemacht. Blond war sie gewesen, Sommersprossen im Gesicht und auf den Schultern, hatte nach Sommer und Vanille geschmeckt und Yvonne ganz unwillkürlich an Schweden denken lassen. Sicher war sie keine Schwedin. Und trotzdem. Das schwedische Sommer-Vanille-Mädchen.

Warum fiel ihr dieses Mädchen ausgerechnet jetzt ein, nach all der Zeit?

Tage später hatte Yvonne in ihrer Jackentasche einen Zettel mit Raffaels Telefonnummer gefunden. Sie hatte ihn mit einem Magneten an den Kühlschrank gehängt und gedacht, wie schön es wäre, wenn es die Nummer des schwedischen Sommer-Vanille-Mädchens wäre.

Noch immer lehnte Yvonne am Stamm der Kastanie und wog den Schlüsselbund in ihrer Hand, die Sporttasche stand neben ihr auf dem Boden. Ein Mann schlurfte über den Gehweg, fleckiges Hemd, weiße Stoppeln, hinter ihm ein humpelnder zerzauster Hund.

Sie hatte damals nicht angerufen. Raffael und sie waren sich begegnet und dann wieder auseinander gegangen, und alles schien gut so.

„Bitte sag nichts, gar nichts! Ich weiß alles, wirklich alles, was du mir sagen könntest. Dein Blick ist schon genug“, sagte Yvonne Wochen später zu ihrer Mutter.

Danach saßen sie sich lange schweigend gegenüber. Schließlich war es die Mutter, die den Zettel mit der Telefonnummer vom Kühlschrank nahm und ihn Yvonne in die Hand drückte.

„Du musst es ihm sagen. Ruf ihn an!“

Vielleicht war das der Moment, in dem sie das schwedische Sommer-Vanille-Mädchen vergessen hatte. Ganz plötzlich und einfach so.

Die Haustür flog auf und ein junger Mann in Sportkleidung kam mit federnden Schritten heraus.

„Hey Yvonne. Das ganze Treppenhaus riecht nach Kuchen. Hat Raffael gebacken? Hast du Geburtstag?“

„Ne, ne, der backt einfach gerne.“

„Glückspilz!“, rief der junge Mann. Yvonne sah ihm nach, wie er langsam die Straße entlang joggte.

Leni hatte wohl wieder nicht schlafen können. Schon seit einer Weile schlief sie unruhig, wachte häufig auf und kroch nachts ins Bett zu Raffael und ihr. Dann erzählte die Kleine mit tränenerstickter Stimme von Monstern und Geistern. Wenn Leni gar nicht mehr einschlief, stand Raffael mit ihr auf und backte Schokoladenkuchen mit Kirschen.

„Das wirklich beste Mittel gegen Monster und Geister!“, hatte Raffael einmal erklärt. Yvonne hatte ihn sehr überzeugend gefunden. Raffael wirkte so sicher, immer, von Anfang an. Er sagte „mein Schatz“, wenn er Yvonne meinte, mit einer sehr weichen Stimme, und nannte Leni „mein Engelchen“ seit er das erste Ultraschallbild gesehen hatte. Woher nahm er nur diese Sicherheit?

Yvonne blieb noch einen kurzen Moment im Schatten des Baumes stehen, packte dann die Sporttasche und drehte den Schlüssel im Schloss. Sie ging ins Haus, der Flur war angenehm kühl. Sie wandte sich um. Der Türspalt wurde allmählich kleiner, und schließlich rastete das Schloss mit einem dumpfen Schnappen ein.

Tatsächlich roch das Treppenhaus nach frisch gebackenem Kuchen. Die Sonne strahlte durch alle Fenster, auf der Wand tanzten die Schatten des Kastanienbaums.

Yvonne schwang die Sporttasche über die Schulter und nahm mit leichten Schritten Stufe um Stufe. Ein strahlender Sommertag lag vor ihr.


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