Valar Morghulis

 

Christopher ist Schrödingers Katze in Menschengestalt. Er befindet sich in einer Kiste mit radioaktiver Substanz, die im Laufe eines Tages vielleicht zerfällt, vielleicht aber auch nicht. Solange die Kiste verschlossen ist, sind in ihr der lebende und der tote Christopher zu gleichen Teilen vorhanden. Die Kiste ist allerdings nur eine symbolische Kiste. Sozusagen eine Kiste in Berlinform. Christopher läuft in ihr frei herum.

 

Dass er zugleich lebendig und tot ist, liegt daran, dass vor einer Woche, am 30. Juni 2014, zu einer Uhrzeit, die ich vergessen habe, ein Anschlag terroristischer Natur den bewusst oder zufällig gewählten Berliner U-Bahnhof Mehringdamm in Brand setzte. Obgleich sich zahlreiche Menschen bei Ausbruch des Feuers aus dem nicht sehr tief gelegenen Bahnhof retten konnten, wurde die Bahn der Linie U7 wenige Minuten vor ihrem Eintreffen in dem Bahnhof von den Flammen erfasst. In dem steinernen Tunnel gab es weder für die ca. 130 Menschen in den 5 Waggons ein Entkommen, noch für die heiße Druckluft, die sich unter der niedrigen Decke sammelte. Die dadurch hervorgerufene Explosion riss den sogenannten Kurzzug in noch wesentlich kürzere Stücke. Alle Fahrgäste starben ohne Ausnahme. Bei der groß angelegten Gedenkfeier, die sich wenige Tage später auf dem nahegelegenen Friedhof am Halleschen Tor ereignete, auf dem auch die romantischen Dichter E.T.A. Hoffmann und Adelbert von Chamisso begraben liegen, sprach man von einem Akt gegen die Menschlichkeit und von einem dunklen Tag für ganz Deutschland. Die Deutsche Nationalmannschaft, die am diesem Abend in Brasilien im Achtelfinale der Weltmeisterschaft stand, sagte das Spiel kurzfristig ab. Neben der doppelten Enttäuschung über den Anschlag und das abgesagte Spiel schwirrten während der bewegenden Gedenkzeremonie vor allem zwei Gedanken durch die Köpfe vieler: Gott sei Dank waren es nur etwa 130 Menschen, die in der Bahn saßen und Gott sei Dank war niemand, den ich liebe, dabei. Wahlweise begannen diese zwei Gedanken in ihrer unausgesprochenen Formulierung auch mit Glücklicherweise. Ob auch Christopher unter den dort bedachten Opfern war, ist bislang unbekannt, denn er befindet sich ja in der Berliner Kiste und sitzt dort mit Lotte in einem Café.

 

Lotte ist Christophers 96%iger Match und ihre Film- und Serienvorlieben stimmen daher mit seinen überein. Zurzeit unterhalten sie sich über das Staffelfinale von „Game of Thrones“, bei dem wieder einmal viel gemetzelt und intrigiert wurde. Viel nackte Haut, Zombies, Drachen und im Zentrum eine fast zu einfache Botschaft: Valar Morghulis- All men must die.

Lotte lächelt niedlich. Noch niedlicher als auf ihren Fotos. Sie schiebt sich eine Gabel rein pflanzlichen Auflauf in den Mund. All men must die. Alle Tiere auch – aber nicht für Auflauf.

 

Sie habe die Serie sehr gemocht, sei ohnehin ein Fan von Drachen, Zaphira, Fuchur, alle miteinander. Auch wenn sie Menschen fräßen – ganz egal – es sei ja alles Fiktion und nichts weiter. Der Gedanke ans Sterben an sich sei allerdings nicht außerordentlich originell, findet sie. Den hätte schon der eine oder andere vorher gehabt, damals schon, im Barock. Naja, denkt Christopher, vielleicht ist sie nicht so besonders tiefsinnig. Macht ja nichts, er muss sie ja nicht gleich heiraten. Wahlweise bleiben ja noch die Optionen Sex und irgendwann einfach nicht mehr melden oder auch Freundschaft mit Sex, wenn man sich doch etwas mehr zu sagen hat, obwohl sie nicht perfekt genug zu ihm passt, um die Eine zu sein. Eine der großen Errungenschaften unserer Zeit. Für Christopher wird der Gedanke ans Sterben jedenfalls nicht so schnell alt. Er muss zugeben, dass er doch immer wieder vergisst, dass er sterben wird, irgendwann, hoffentlich in ferner Zukunft. Memento Mori ist keine Floskel für ihn.

 

„Komm, wir holen uns ein Bier und gehen spazieren!“, ruft Lotte.

Dabei wollte er ihr eigentlich gerade vorschlagen zum Deutsch-Französischen Volksfest zu gehen, um dort gemeinsam Zuckerwatte zu essen und Achterbahn zu fahren, aber ein Spaziergang am Kanal mit einem Späti-Bier und seinem 96%igen Match klingt auch ganz verlockend. Er überlegt kurz, was er ihr antworten soll.

 


Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Die Nutzung der Bilder und Texte dieser Website ist ohne Genehmigung und Honorarabsprache untersagt.