André Krüger: Gefühlte 8000 Mark

Kommando Torben B. präsentiert: Gefühlte 8000 Mark von André Krüger

Kurzgeschichte von André Krüger geschrieben für die erste Gruppenlesung Heimatporno 1.0 vom Berliner Autorenkombinat Kommando Torben B.

Gefühlte 8000 Mark

von

André Krüger

 

Jetzt ist die Uni vorbei und du gehst auch wie die Anderen in die Hauptstadt.

Einfach nicht blöd anstellen. Hast zwar nichts Konkretes gelernt, bist aber zu so ziemlich dem letzten Universalgenie im ehemaligen Land der Dichter und Denker ausgebildet worden. Also ein monochromes Hemd anziehen und ein frisches, weißes T-Shirt drunter, dessen Kragen noch nicht ausgefranst ist.

Ein paar Idioten mit Kaschmirpulli, Jeans und Lackschuhen die Pfote hinhalten, sich auf den Rücken schmeißen und mal eben bis zur Selbstaufgabe eine ausgewogene Mischung aus Unterwürfigkeit, Sachverstand und Belastbarkeit simulieren. Drei Tage später kommt dann der Anruf. Jetzt hast du den Job. Und du bist dir sicher, dass du diesen Job auch bald schon hassen wirst. Es spricht mit dir der Oberwichser vom Vorstellungsgespräch. Dein neuer Teamchef mit den kalten blauen Augen, der beim Reden ständig mit beiden Armen eine imaginäre Schaufel in den Händen zu halten scheint, mit der er permanent pantomimisch ein Loch buddelt. Wahrscheinlich ein Grab. Vielleicht für dich. Du fragst dich, wie es dieser Oberwichser mit dem schönen Namen Axel wohl schafft, gleichzeitig diese Schaufelpantomime durchzuziehen und zu telefonieren. Vermutlich hat er ein Headset. Du hast also den Job und weißt, dass du dich auf jede Menge Wichtigtuer mit Kaschmirpulli, Jeans und Lackschuhen gefasst machen kannst, die dir in Zukunft den Tag versüßen werden. Was du da eigentlich machen sollst, hast du nicht richtig verstanden. Weder beim Lesen der Stellenanzeige, noch beim Vorstellungsgespräch. Doch deine neuen Chefs scheinen davon überzeugt zu sein, dass du der Richtige für den Job bist. Alles was du weißt und das Einzige, was dich interessiert ist, dass der Job am Ende eines jeden Monats eine vierstellige Summe auf dein Konto laden wird und du dir nie wieder darüber Gedanken machen musst, wo du das Geld für die Rundfunkgebühren oder die Krankenkasse herbekommen sollst.

Seit dem Vorstellungsgespräch nicht geschlafen. Wohnst ja sowieso im Hostel, weil du hier niemanden kennst und erst ein paar Tage in der Stadt bist. Bevor die Schufa dir nicht irgendeinen Schrieb fertig gemacht hat, brauchst du auch überhaupt gar nicht erst damit anfangen, dir irgendwelche Wohnungen anzuschauen.

Deshalb noch mal innerlich bei Oma bedanken, die dir mal eben Geld überwiesen hat, weil du es als erster in der Familie zum Studienabschluss gebracht hast, und wie bereits in den letzten drei Tagen einfach weiter Party machen. Der Job beginnt ja schließlich erst nächste Woche.

Das Audiolith Tattoo an deinem Unterarm, das du dir bereits vor Jahren in der Provinz hast stechen lassen, kommt in der Hauptstadt ziemlich gut an. Zum Glück ist es nicht Winter und du nicht gezwungen, irgendetwas mit langen Ärmeln anzuziehen. Du beginnst darüber nachzudenken, ob all diese Menschen mit Kaschmirpullover vielleicht Roboter sind, weil die selbst im Hochsommer Kaschmirpullover tragen und nicht zu schwitzen scheinen. Dann bemerkst du, dass du leicht paranoid drauf bist und vielleicht doch mal wieder schlafen solltest.

Doch nachts brauchst du gar nicht erst an Schlaf zu denken, weil die besoffenen Italiener alle schnarchen. Deshalb machst du noch eine Nacht durch, bevor du dich dann irgendwann am Vormittag ins Bett fallen lässt. Du wachst ein paar Tage später wieder auf und merkst, dass du morgen zur Arbeit erscheinen solltest. Du fühlst dich zwar ziemlich dreckig, aber auch verdammt erholt von dem langen Schlaf. Erst einmal auf Ex eine anderthalb Liter Flasche Wasser und ein Viererpack isotonischen Sportgetränks zischen.

Du gönnst dir mal was und gehst in irgendeinen angesagten YuppieMacBookLatteLaden und setzt dich, bevor du dir irgendein überteuertes Lauwamgetränk bestellst, erst einmal auf die Kloschüssel und überdenkst deine Situation.

Deine Zahnbürste hast du seit deiner Ankunft in der Hauptstadt nicht mehr gesehen. Also beschließt du, dir später mal eine neue zu kaufen und da bei dem Tanz-und-Substanzen-Marathon der letzten Wochen nicht mehr viel von deiner Kleidung übrig geblieben ist, beschließt du auch, dass du dir anlässlich deiner neuen Arbeitsstelle mal etwas zum Anziehen kaufen solltest. Du wunderst dich, dass die dich mit deinem Laptop, das komplett ohne Apfelaroma auf die Welt gekommen ist, in diesen Laden überhaupt rein gelassen haben. Du stellst es auf deine nackten Knie, lehnst dich zurück und spürst den Spülkasten im Rücken. Eigentlich hattest du gelesen, dass die Idioten in deiner neuen Arbeitsstelle ihren Drohnen keine Kleidervorschriften machen würden. Allerdings hat dich der Prozentsatz von Kaschmirpullover-Trägern dann doch irgendwie stutzig werden lassen. Aber nein, es steht tatsächlich geschrieben, dass all die flachen Hierarchien komplett ohne Titel, Siezen und Kleidervorschriften auskommen.

Bei flach fällt dir auch gleich ein, dass alle weiblichen Angestellten auffallend große Brüste hatten. Typ Mauerblümchen, das nur seinen Pferdeschwanz lösen muss, um übergangslos zum Vamp zu mutieren. Bei Pferdeschwanz fällt dir auf, dass du eine Erektion bekommst und langsam von der Kloschüssel steigen solltest.

Statt irgendeinen Scheiß in diesem Scheißladen zu kaufen, beschränkst du dich aufs Scheißen und verschwindest hinterher sofort. Die Yuppies mit ihren edgy Frisuren und übergroßen Brillen glotzen weiterhin auf ihre Bildschirme und tun so, als ob sie dich überhaupt nicht bemerken würden.

Irgendetwas musst du dir also zum Anziehen kaufen. Doch du weißt nicht was. Es gibt keine Kleidervorschriften und du hast keine Lust auf Kaschmir. Erst einmal in einen Stadtteil, in dem es mehr Döner als Soja-Latte gibt, weil in den Soja-Bezirken der Stadt die Second Hand-Läden mehr Preisschilder als Kleidungsstücke haben. Dort angekommen, kaufst du dir erst einmal einen Döner und danach einen Anzug. Naturweißes Leinen, vom Vorbesitzer bereits liebevoll zerknittert. Dazu ein Hemd, das von einem Muster dominiert wird, dass sich andere Menschen als Tapete an ihre Wand hängen. Und damit sind Menschen aus den 70er Jahren gemeint.

Dieses komplette Outfit ist dazu gedacht, deinem neuen Arbeitgeber einen sublimen ironischen Kommentar zukommen zu lassen, dass du im Grunde überhaupt keinen Bock auf diese Arbeit hast, die dich mit großer Wahrscheinlichkeit selbst dann nicht interessieren wird, wenn du begriffen hast, worum es eigentlich geht. Nach zwei Stunden in deinem Job merkst du, dass all diese Idioten in diesem Großraumbüro vollkommen ironiefrei sind. In der Hauptstadt scheinen sich sowieso alle ihre Portion Ironie für Blogeinträge aufzuheben.

Du wirst in irgendwelches Zeug eingeführt, dass du in moderne Computerprogramme eintippen musst und freust dich darüber, dass dein Job nicht daraus besteht, den ganzen Tag mit irgendwelchen Oberwichsern zu telefonieren, mit denen du irgendwelche Kooperationen aushandeln musst. Noch mehr freust du dich darüber, dass die junge Frau, die dich in diese Arbeit einführt, ebenfalls einen Kaschmirpullover trägt, der allerdings einen ziemlich tiefen V-Ausschnitt aufweist. Am meisten freut dich allerdings, dass sie deine These mit den abnorm großen Brüsten untermauert. Weniger erfreut bist du darüber, dass dein Teamchef Axel alle halbe Stunde vorbei kommt und sich über deinen Arbeitsfortschritt informiert. Seine Schaufelpantomime hat er dabei immer im Gepäck.

Und nach drei Monaten merkst du, dass die einzigen Momente, in denen du während der Arbeit wirklich bei der Sache warst, die waren, in denen du deinen Kolleginnen auf die Möpse gestarrt hast. Doch du scheinst deine anspruchslose Arbeit, für du dich nicht eine Sekunde interessierst, doch ganz gut zu machen, denn es hat sich bisher niemand bei dir beschwert. Das mit dem auf die Titten glotzen scheinst du auch ganz gut zu machen, denn du hast auch noch keine Abmahnung betreffs sexueller Belästigung bekommen.

Du weißt nicht warum, aber du wirst zu einem Grillfest bei deinem Teamchef Axel eingeladen. Als Highlight des Abends, sozusagen als kleine Showeinlage zeigt Teamchef Axel sein Gewehr aus dem ersten Weltkrieg. Das mit dem Bajonett vorne dran, das seit bald einhundert Jahren im Besitz seiner Familie ist. Er hat auch einen dazu passenden Helm aus der Kaiserzeit. Die Pickelhaube seines Urgroßvaters. In einem Zimmer seines Einfamilienhauses mit pervers hohen Decken hat er eine Trainingspuppe aufgehängt, die mit durchlöcherten Kaschmirlumpen und Lagerfeld Jeans bekleidet ist. Und er zeigt seinem versammelten Team, wie er mit dem Bajonett auf die wehrlose Puppe ein paar Mal einsticht und endlich weißt du, was diese Schaufel-Bewegung zu bedeuten hat, die du seit drei Monaten bei ihm beobachten darfst: Es ist kein Schaufeln, sondern in Wirklichkeit zeigt Axel pantomimisch, wie er mit seinem Phantom-Bajonett permanent auf seine Untergebenen einsticht. Macht den Mann irgendwie nicht wirklich sympathischer für dich. Die meisten heucheln halbwegs überzeugend ihre Faszination für diese leicht aus der Mode geratene Art der Kriegsführung. Nur du und Axels Ehefrau zeigen die angebrachte Mischung aus Abscheu und Langeweile.

Während alle draußen rum stehen und grillen, sollst du der Ehefrau von Axel, dabei helfen, Bier aus dem Keller zu holen. Allerdings werft ihr dabei irgendwelche Pillen ein, die du noch vom vergangenen Wochenende in deiner Hosentasche hast und ihr fangt an, auf dem weißen Kobe-Ledersofa rum zumachen. Natürlich hat auch die Frau von Teamchef Axel einen enormen Vorbau. Carmen, wie die Frau von Teamchef Axel mit Vornamen heißt, sagt dir, dass sie gerne deine Unterwäsche anziehen würde. Du tust ihr den Gefallen und ziehst dich da mitten im Wohnzimmer aus und gibst ihr deine Unterhose. Sie ist ebenfalls bereits nackt und schlüpft schnell in deine Unterwäsche hinein. Es ist eigentlich ein Modell für Kinder. Mit Eingriff und Comic-Bildern vom Unbesiegbaren Iron Man drauf.

Carmen hat plötzlich irgendwo einen halbdurchsichtigen rosa Dildo hergeholt, an dem sie jetzt weltvergessen herumlutscht, was du ehrlich gesagt total unsexy findest. Dabei macht sie die ganze Zeit über so komische Stopf-Bewegungen in Richtung ihrer Kehle. So als ob sie mit dem Rosa Dildo irgendetwas bis hinunter in ihre Seele schieben wollte. In der Zwischenzeit malst du mit einem Edding expressive Bilder auf ihren Körper, die von ihrer Haut ziemlich unmittelbar auf das weiße Ledersofa abfärben.

Nach einer halben Stunde ist Carmen dann besinnungslos und du schreibst mit Edding auf ihre prallen Euter: „Lieber Teamchef Axel, ich kündige. Herzliche Grüße an die Frau Gemahlin.“ Das Herz in „herzliche“ ist ein gemaltes Comic-Herz mit Pfeil darin und befindet sich auch ungefähr an der Stelle, wo sich Carmens tatsächliches Herz befinden müsste.

Du nimmst den Dildo und deine Klamotten und verschwindest in dem Bajonett-Trainings-Zimmer von Teamchef Axel. Dort ziehst du der schon stark in Mitleidenschaft gezogenen Trainingspuppe ihre zerfledderten Designer-Klamotten aus und kleidest sie in deinen Leinenanzug. Dann ziehst du die verbrauchte Garderobe der Trainingspuppe an.

Und schon hörst du Axel im Wohnzimmer einen Tobsuchtsanfall kriegen. In aller Seelenruhe gehst du in deinen neuen Lumpen an ihm vorbei und verlässt das Haus. Du nimmst dir auf dem Weg nach draußen noch ein kaltes Bier aus der Kiste, die du vorhin noch aus dem Keller geholt hast.

Du hörst, wie Teamchef Axel schreiend in sein Trainingszimmer rennt und dann mit beeindruckender Geschwindigkeit hinter dir her hetzt. Du drehst dich um und willst ihn zum Abschied noch einmal total freundlich anlächeln, doch stattdessen siehst du in Axels Kriegsgesicht und auf das Weltkriegsgewehr in seinen Händen. Wie üblich macht Teamchef Axel seine Zustech-und-Aufschlitz-Pantomime, nur dass es diesmal keine Pantomime ist, weil er dabei wirklich sein Gewehr mit aufgepflanzten Bajonett in Händen hält. Du spürst, wie die Spitze gegen deine Brust gerammt wird. Bäm! Genau dort, wo dein Herz sitzt. Keuchend fällst du nach hinten. Dort bleibst du liegen und blickst in den hellblauen Himmel. Dann blickst du in Teamchef Axels stahlblaue Augen. Du siehst, wie er in dein Gesicht starrt und endlich bringst du das Lächeln, das du ihm schon vor wenigen Todesmomenten schenken wolltest und nimmst einen großen Schluck aus dem schäumenden Bier in deiner Hand. Dann stehst du auf, drehst dich um und gehst die Einfahrt hinunter. Teamchef Axel bleibt einfach da stehen und starrt auf sein Bajonett. Das heißt, er starrt auf die vollkommen unschädlich gemachte Version des Bajonetts. Denn du hast vorhin, bevor du mit der Trainingspuppe deine Kleider getauscht hast, noch sorgfältig den übergroßen, rosa, halb durchsichten Dildo vorne längs auf das Bajonett aufgespießt, wodurch du das das historische Kriegsgerät unschädlich gemacht hast. Und während du verschwindest denkst du noch, dass Carmen, die Frau von Teamchef Axel, diese Waffe jetzt nicht mehr so langweilig finden wird.

André Krüger - Gefühlte 8000 Mark

Über den Text Gefühlte 8000 Mark von André Krüger

Dieser Text wurde von André Krüger im Rahmen der 1. Lesung des Autorenkombinats Kommando Torben B. verfasst. Dieser Text ist vor seinem Eintritt in die Arbeitswelt entstanden und basiert rein auf Eindrücken, gesammelt bei Bewerbungsgesprächen. Leider konnte keines der Unternehmen bei diesen Gesprächen überzeugen. Der Autor arbeitet heute im Internet. Sein Chef heißt nicht Axel.


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